Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 154 (September 2018)

Herzprobleme und Schlaf-Apnoe als Morbus-Bechterew-Begleiterkrankungen

Von Dr. Lotta Ljung, Dr. Björn Sundström, Dr. Johan Smeds, Dr. Maria Ketonen und Prof. Dr. Helena Forsblad-d’Elia, Universität Umeå, Schweden

Die typischen Morbus-Bechterew-Charakteristiken wie das Risiko einer fortschreitenden Versteifung der Wirbelsäule sind bestens bekannt. Weniger gut untersucht sind die mit der Krankheit verbundenen Begleiterkrankungen. Manche Begleiterkrankungen wie die Iritis, die Psoriasis-Arthritis und die entzündlichen Darmerkrankungen gelten als typisch für den Morbus Bechterew. Mit dem Morbus Bechterew verbunden ist auch das Risiko einer Aorten-Insuffizienz und Reizleitungsstörungen im Herzen sowie einer Osteoporose und einer Wirbelfraktur.
Zu den möglichen Begleiterkrankungen werden auch Bluthochdruck, Dyslipidaemie1 (eine Stoffwechselstörung), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) und obstruktive2 Schlaf-Apnoe (nächtliche Atemaussetzer) gezählt. Auf Grund des Risikos von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Infektionen und Halswirbelfrakturen ist auch von einer erhöhten Sterblichkeit die Rede.
Um die ärztliche Versorgung von Morbus-Bechterew-Patienten zu verbessern, ist es nötig, die Risikofaktoren für diese Begleiterkrankungen zu ergründen.

Studie über Begleiterkrankungen beim Morbus Bechterew

Ziel unserer Studie war es, die Häufigkeit der Begleiterkrankungen bei Morbus-Bechterew-Patienten und ihre Beziehung zu den Krankheits-Charakteristiken zu ermitteln, Wir konzentrierten uns dabei auf die Häufigkeit von

A)    Herz-Rhythmus-Störungen, Reizleitungs-Störungen und Herzklappen-Erkrankungen,
B)    Arteriosklerose (Schlagader-Verkalkung) und arteriosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen,
C)    Wirbel- und sonstige Frakturen, und
D)    obstruktive2 Schlaf-Apnoe (vorübergehender Atemstillstand), und ihre Beziehung zu Krankheits-Charakteristiken und anderen          Begleiterkrankungen.

Erfasst wurden 346 Morbus-Bechterew-Patienten, die zwischen Mai 2002 und November 2005 die Rheumaklinik des Bezirks Västerbotten im Norden Schwedens aufsuchten. Aus den Patientenakten von 2002 bis 2015 wurde die Häufigkeit von Begleiterkrankungen ermittelt.

Begleiterkrankungs-Häufigkeit

Bluthochdruck war mit einer Häufigkeit von 45% die häufigste bei Morbus-Bechterew-Patienten beobachtete Begleiterkrankung. Jeweils mehr als 10% hatten Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Krebserkrankungen, Asthma, eine koronare Herzkrankheit, Erkrankungen der Harnwege und/oder Geschlechtsorgane, Stoffwechselstörungen oder Knochenbrüche außerhalb der Wirbelsäule (Bild 1).
Herzrhythmus-Störungen (zumeist Vorhof-Flimmern) wurden bei 10% der Patienten registriert. Herzklappen-Erkrankungen traten bei 5% der Patienten auf, die Hälfte davon mit einer Aorten-Insuffizienz (Unfähigkeit, der Aortenklappe komplett zu schließen).
Von den insgesamt 16%, die eine arteriosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankung hatten, hatte die Hälfte mehr als eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Die häufigsten Diagnosen waren Herzinfarkt, kongestive3 Herzkrankheit, Angina pectoris (Engegefühl im Brustkorb, z.B. durch Minderdurchblutung der Herzmuskeln) und instabile Angina pectoris.
3% der Patienten hatten im Rahmen einer Hirndurchblutungsstörung einen Schlaganfall erlitten. Von den 7% verstorbenen Patienten war bei 2% eine Herz-Kreislauf-Erkrankung die Todesursache.
25% der Patienten erlitten einen oder mehrere Knochenbrüche. Bei 8% waren es Wirbelbrüche, bei 20% andere Knochenbrüche (5% am Oberarm, 4% am Unterschenkel oder Fußknöchel, 3% am Hüftgelenk, 3% Rippenbrüche, 2% am Schlüsselbein und 2% an den Fingern oder Zehen.
Die meisten Wirbelbrüche waren stabile Kompressionsfrakturen in Brust- oder Lendenwirbeln. 3% erlitten Halswirbelbrüche, bei einem Patienten mit Todesfolge. Die Diagnose obstruktive Schlaf-Apnoe wurde bei 9% der Patienten gestellt, fast ausschließlich bei männlichen Patienten. Eine Übersicht über die Häufigkeit von Begleiterkrankungen ist im Bild 1 zu sehen.

Risikofaktoren für die untersuchten Begleiterkrankungen

Mit zunehmendem Alter wuchs die Häufigkeit aller vier Gruppen der untersuchten Begleiterkrankungen (Tabelle 1).
Bei männlichen Patienten ist die obstruktive Schlaf-Apnoe 5-mal häufiger und Herz-Rhythmus-Störungen und/oder Herzklappen-Krankheiten 3-mal häufiger als bei weiblichen Patienten.
Bei einem Krankheitsbeginn in jugendlichem Alter und einer längeren Krankheitsdauer sind Herz-Rhythmus-Störungen und/ oder Herzklappen-Erkrankungen häufiger.
Bei Patienten, die jemals mit nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) behandelt wurden, sind Herz-Rhythmus-Störungen und/ oder Herzklappen-Krankheiten seltener. Für die arteriosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Knochenbrüche wurden außer dem Alter keine signifikanten Risikofaktoren gefunden.

Risikofaktoren für andere Begleiterkrankungen

Patienten mit Herz-Rhythmus-Störungen und/oder Herzklappen-Erkrankungen hatten häufiger andere Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Magengeschwüre, Urogenitalkrankheiten und Dyslipidämie1. Die meisten Begleiterkrankungen einschließlich Osteoporose und Klinikaufenthalten wegen einer Infektionskrankheit waren bei Patienten mit arteriosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen häufiger als bei anderen Morbus-Bechterew-Patienten.
Risikofaktoren für Knochenbrüche waren eine chronische obstruktive2 Lungenkrankheit, Osteoporose, eine kongestive3 Herzkrankheit, Diabetes und Erkrankungen der Harnwege und/oder Geschlechtsorgane. Patienten mit obstruktiver Schlaf-Apnoe hatten häufiger Stoffwechselstörungen (Diabetes mellitus, Störung der Blutfettwerte) und Bluthochdruck.

Interpretation der Ergebnisse

Wie zu erwarten, nahm die Häufigkeit aller Begleiterkrankungs-Gruppen mit zunehmendem Alter zu.4 Dies galt vor allem für Herzrhythmusstörungen und arteriosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Unter den Krankheits-Charakteristiken trugen aber nur eine lange Krankheitsdauer und ein früher Krankheitsbeginn zu Herzrhythmus-Störungen bei (Tabelle 1).
Dass der NSAR-Gebrauch mit einer geringeren Häufigkeit von Herzrhythmusstörungen verknüpft ist, könnte dadurch vorgetäuscht worden sein, dass Patienten mit Herzrhythmusstörungen häufig mit Blutverdünnern behandelt werden, die eine Gegenanzeige gegen den Gebrauch von NSAR darstellen.
Dass trotz der häufigen Knochenbrüche nur bei 3,5% aller Patienten und bei 7% der Knochenbruch-Patienten eine Osteoporose festgestellt wurde, könnte darauf hindeuten, dass der Osteoporose beim Morbus Bechterew zu wenig Beachtung geschenkt wird.5
Zusammenfassend lässt sich aus unseren Ergebnissen schließen, dass bei Morbus-Bechterew-Patienten häufig eine Vielzahl weiterer Erkrankungen vorliegt, vor allem bei Patienten mit Herz-Kreis-lauf-Erkrankungen. Darauf sollte bei der Behandlung der Krankheit geachtet werden.

1) Störung der Blutfettwerte
2) durch Verengung der Atemwege bedingt
3) mit verminderter Pumpfähigkeit verbunden
4) Dies deutet möglicherweise darauf hin, dass viele der Begleiterkrankungen eher Alterserscheinungen sind.
    Um dies zu unterscheiden, wäre ein Vergleich mit einer Gruppe Gesunder nötig, Anmerkung der Redaktion.
5) Die Osteoporose ist eine häufige Begleiterkrankung des Morbus Bechterew nach langer Krankheitsdauer.
     Die Wirbelsäulenversteifung, die dadurch bedingte Ungeschicklichkeit bei Stürzen und der eingeschränkte Blickwinkel
     können aber auch ohne Osteoporose zu Wirbelfrakturen führen, Anmerkung der Redaktion.

Kontakt:    lotta.ljung(at)umu.se
Quelle:      Gekürzte patientengemäße Übersetzung eines in Clinical Rheumatology Band 37 (2018) S. 647–653 erschienenen Artikels (dort mit ausführlichem Literaturverzeichnis)