Aus dem Morbus-Bechterew-Journal Nr. 154 (September 2018)

RheuMotion – beweglich mit Rheuma

Sport mit Morbus Bechterew

von Nadja Schnierer, Bad Camberg

Dass Bewegung auch und gerade für chronisch Kranke wichtig ist, ist lange bekannt. Neue Studien und Forschungsergebnisse zu dem Thema "Sport in der Rheumatologie" haben nun dazu geführt, dass der Stellenwert von körperlicher Bewegung bei der Therapie chronisch-entzündlicher Gelenkerkrankungen neu bewertet wird.
Das Wissen um diese neuen Erkenntnisse zu verbreiten, hat sich die Initiative "RheuMotion - beweglich mit Rheuma" auf die Fahne geschrieben. Im Rahmen dieser Initiative fand am 23./24. Februar 2018 in Düsseldorf ein Workshop für Gruppensprecher der DVMB statt.
Begrüßt wurden die Teilnehmer u.a. von Dr. Edgar Stemmler, Medical Manager bei AbbVie Deutschland. Er hob die Wichtigkeit von ergänzenden nicht-medikamentösen Therapiemaßnahmen bei Rheumakranken hervor, da durch die Prozesse, die im Körper auf zellulärer Ebene ablaufen, die Entzündungsaktivität ebenfalls gedämpft werden könne. Vermittelt werde diese Wirkung, die erst in den letzten Jahren zunehmend besser erforscht worden sei, u.a. durch sog. Myokine (griech. „mys“= Muskel und „kinema“= Bewegung). Bei Myokinen handelt es sich um hormonähnliche Botenstoffe, die aktiv von der Muskulatur bei Bewegung ausgeschüttet werden. Bestimmte Myokine wirken im Körper antientzündlich und deshalb sei es umso wichtiger, dass gerade Rheumakranke sich regelmäßig bewegen.

Weniger Schmerzen durch Sport

In Anlehnung an die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation, wonach ein wöchentliches Maß von mindestens 150 Minuten Bewegung mit mittlerer Intensität oder 75 Minuten pro Woche Bewegung mit höherer Intensität optimal sind, wurde an Patienten mit Spondyloarthritis der Effekt von mehrfach in der Woche absolvierten 30 minütigen Trainingseinheiten in Studien untersucht, so Prof. Dr. BENEDIKT OSTENDORF, Oberarzt der Rheumatologischen Klinik am Universitätsklinikum Düsseldorf. Er erklärte den aufmerksamen Teilnehmern die positiven Auswirkungen, die Bewegung als zusätzliche Therapiesäule auf den Krankheitsverlauf bei axialer Spondyloarthritis haben kann. Dabei präsentierte er erstaunliche Studienergebnisse: Patienten, die sich zusätzlich zu einer bestehenden antientzündlichen Therapie sportlich betätigen, geht es deutlich besser und sie haben weniger Schmerzen als Patienten, die zwar ebenfalls medikamentös antientzündlich behandelt werden, die sich aber nicht bewegen.1
Getreu dem Motto "Rheuma in Bewegung" musste die Gruppe natürlich auch selbst aktiv werden. Der aktive Teil des Workshops wurde im "Alma Oberkassel", einer Sport- und Fitnessanlage auf dem über 6.000 qm großen Gelände einer alten Fabrikhalle, veranstaltet. Dort brachte Dr. Holger Schütt, Dipl.-Sportwissenschaftler und Geschäftsführer der Gesundheitsagentur "200 PRO", den Teilnehmern das Konzept von "Life Kinetik" nahe. Hierbei handelt es sich um ein Bewegungsprogramm, das körperliche mit geistiger Aktivität kombiniert. Zum Einsatz kamen unter anderem Bälle und Jongliertücher, die viele der Teilnehmer nur noch aus dem Kinderturnen kannten.
Bei Aufwärmübungen mit Pezzibällen und einem Ballspiel in Gruppen wurde neben dem Spieltrieb der Teilnehmer auch deren sportlicher Ehrgeiz geweckt. Danach waren sich alle einig, dass Sport nicht nur anstrengend sein, sondern auch eine Menge Spaß machen kann.

 

 

Bild 1: Die aktiven Teilnehmer
Bild 1: Die aktiven Teilnehmer
Bild 1: Die aktiven Teilnehmer
Innerer Schweinehund
Bild 3: Einführung durch Dr. Holger Schütt
Bild 3: Einführung durch Dr. Holger Schütt

Abgerundet wurde das hochkarätige Vortragsprogramm mit einem Impuls-Workshop zum Thema "Wie helfe ich anderen, ihren inneren Schweinehund loszuwerden?", der gehalten wurde von Prof. Dr. Michael PFINGSTEN, Leitender Psychologe der Schmerzklinik der Universitätsmedizin Göttingen und Ludwig Hammel, Geschäftsführer der DVMB.
Anschaulich wurde dargestellt, in welchen verschiedenen Stadien der Absichtsbildung sich einzelne Patienten befinden können und wie man sie als Therapeut oder Gruppenleiter dort abholen, sie beraten und ggf. bei der Aufnahme einer Aktivität unterstützen kann. Hierbei reicht das Spektrum der Absichtsbildungen von "Ich mache nie Sport und habe auch nicht vor, damit anzufangen – auf der Couch liegt es sich bequemer" bis zu "Ich mache regelmäßig Sport und möchte auch dranbleiben". Die Teilnehmer erfuhren, wie sie ein Problembewusstsein für die Folgen körperlicher Inaktivität wecken und die Patienten motivieren können, mehr Bewegung in ihren Alltag zu bringen.
Den Abschluss der Veranstaltung bildete ein Zirkeltraining, bei dem Dr. SCHÜTT den Gruppensprechern Übungen für die Praxis mit an die Hand gab. Dabei wurden auch immer Alternativen für bewegungseingeschränkte Teilnehmer vor-gestellt. Im Abschlussgespräch wurde besprochen, was mög-liche Hinderungsgründe dafür sein könnten, dass die hohe Bedeutung und die positiven Effekte von Bewegung in der Therapie chronisch-entzündlicher Gelenkerkrankungen in der breiten Öffentlichkeit bisher nicht angekommen seien und woran es liege, dass sich viele Morbus-Bechterew-Patienten zu wenig bewegten.
1) siehe auch MBJ Nr. 133 S. 4–5, Nr. 153S. 25